Normannen / Wikinger
Sammelname („Nordmannen“) fur Skandinavier, Danen, Norweger und Sudschweden, die im Anschluss an die german. ↑ Volkerwanderung (ohne ihre nordl. Siedlungsgebiete aufzugeben) seit dem 8. Jh. n. Chr. weite Vorstose nach W-, S-, O-Europa und uber das Meer unternahmen. Danen und Norweger bevorzugten westl. und sudl. Stosrichtung, Schweden die ostl. (Warager). Auf besegelten Ruderbooten (Langbooten) anfangs Piraten- und Raubzuge mit unbestimmtem Ziel, spater (um 800) bes. zu den Kusten des angelsachs. Britannien, Angriffe auch auf die Kusten des Frankenreiches (Schutzmasnahmen Karls d. Gr.); Landnahme normann. Siedler auf den Faroer-, Shelley- und Orkneyinseln, Herrschaftsgrundung in Irland; nach 870 Festsetzung in Northumberland, anschl. Eroberung des ganzen Angellandes (↑ England); nach Teilung und Schwachung des Frankenreiches (843 Vertrag von ↑ Verdun) Anlage von befestigten Lagern an den Mundungen der grosen europ. Strome, von dort aus in jedem Fruhjahr Beutezuge auf Elbe, Weser, Rhein, Mosel, Maas, Garonne, Seine u. a.; Plunderung von Hamburg (vollige Zerstorung), Paris, Rouen, Nantes, Aachen, Koln; Leid und Not der Bevolkerung, Lahmlegung des Wirtschaftslebens; weitere Eroberungen in England. – Seit der Mitte des 9. Jh. drangen starke N.-Flotten auch im Mittelmeer bis Spanien und Afrika vor; gleichzeitig Entdeckungsfahrten nach Norden und uber das „Westmeer“; Ende des 9. Jh. Umrundung des Nordkaps und der Halbinsel Kola; Niederlassungen auf Island; ↑ Erik der Rote siedelte um 984 auf Gronland, sein Sohn ↑ Leif Erikson drang bis Labrador und Neufundland vor und entdeckte ↑ Vinland (↑ Entdeckungen). – Wahrend von Danemark und Norwegen
die N. gegen Westen und Suden vorbrachen, begannen von Schweden aus die N. (Warager) die Eroberung des Ostraumes: uber Gotland Besetzung des Baltikums, besonders Kurlands, befestigte Siedlungen in Ostpreusen, von dort um 860 Herrschaftsgrundung in Nowgorod und Kiew und um 880 Zusammenfassung beider Herrschaften zum ↑ Kiewer Reich (dem ersten russ. Staat ↑ Rurik, Russland); bis um 1000 reger Handelsverkehr zw. Schweden, Russland und Byzanz durch wagemutige Krieger-Kaufleute, die mit Schiffen regelmasig die gefahrvolle Fahrt von den grosen Handelsplatzen des Nordens (↑ Haithabu) bis zum Schwarzen Meer unternahmen; enge Beziehungen der Warager auch zu der islam. Welt (bei Ausgrabungen in Schweden und Gotland u. a. mehr als 100 000 islam. Silbermunzen aus der N.- Zeit gefunden); seit 950 Slawisierung der russ. Warager. – Die im 8. Jh. Begonnene Missionierung verschmolz im Westen und Suden die N. allmahlich mit dem christl. Abendland; um 910 endeten die Angriffe auf Frankreich, nachdem die N. grose Gebiete an der unteren Seine (die spatere ↑ Normandie) als Lehen erhalten hatten; im 10. Jh. liesen die England-Invasionen aus Skandinavien nach (1066 letzter Eroberungszug gegen England durch Wilhelm den Eroberer aus der Normandie); auch in England und Frankreich gingen die Nachkommen der normann. Eroberer in der einheim. Bevolkerung auf. – Von groser Bedeutung wurde fur das MA die normann. Reichsgrundung in Unteritalien, wo sich seit der Vernichtung des Langobardenreiches durch Karl d. Gr. (774) im Raum von Salerno, Capua und Neapel kleine langobard. Herzogtumer erhalten hatten und im Kampf gegen Byzantiner und Sarazenen standen; normann. Ritter aus der Normandie kamen dem 1016 von den Sarazenen angegriffenen Salerno zu Hilfe, zogen Verstarkungen aus der Normandie nach, traten in die Dienste einiger langobard. Herzoge und erhielten Lebensgrafschaften zur Belohnung; der mit Besitz bei Neapel belehnte Normanne Rainulf bemachtigte sich 1030 des langobard. Capua, der Normanne Robert Guiscard eroberte Kalabrien, machte sich 1057 zum Herrn von Apulien, anerkannte die Oberhoheit des Papstes uber diese Besitzungen, leistete 1059 den Lehenseid an Papst Nikolaus X. und entriss 1061–1072 den grosten Teil Siziliens den Arabern; Guiscards Bruder Roger I. schloss 1091 die Eroberung Siziliens ab; Begrunder der eigtl. normann.-sizilian. Dynastie wurde sein Sohn Roger II., der die letzten langobard. Herrschaften in Unteritalien unterwarf und sich 1130 unter Anerkennung der papstlichen Lehenshoheit durch Papst Anaklet II. zum Konig von Sizilien kronen lies: Errichtung eines glanzvollen und machtigen sudital.-sizilian. Reiches, gestutzt auf den normann. Adel und (unter Ablehnung des mittelalterl. Lehenswesens) auf ein zentralist. Organisiertes Beamtentum; Rechtshochschulen in Neapel und Amalfi, medizin. Hochschule in Salerno, Dome und Burgen im normann. Baustil; 1194 erbten die Staufer das N.-Reich (Grundlage der Kaisermacht ↑ Friedrichs II.); nach dem Niedergang der Staufer wurde ↑ Karl I. von Anjou 1265 vom Papst mit dem Reich Neapel-Sizilien belehnt, kurz danach Teilung in ein Konigreich Neapel und ein Konigreich Sizilien (Ende des alten N-Reiches); die N. waren zu dieser Zeit durch Vermischung in der einheim. Bevolkerung aufgegangen.